Von Nikephoros selbst (I/II)

Die Aufmerksamkeit nun nannten manche der Heiligen Bewachung des Geistes, andere Wachsamkeit des Herzens, andere Nüchternheit, andere geistige einsame Ruhe und wieder andere anders. Doch zeigen sie, daß alles ein und dasselbe ist. Wie man Brot sagen kann, Stückchen oder auch Brocken, so sollst du es dir auch bei diesen Namen denken. Was aber die Aufmerksamkeit ist und worin ihre Merkmale bestehen, das höre mit Bedacht.

Aufmerksamkeit ist das Kennzeichen lauterer Umkehr; Aufmerksamkeit ist die Wiederherstellung der Seele, der Haß auf die Welt und die Rückkehr zu Gott; Aufmerksamkeit ist die Verwerfung der Sünde und die Wiederaufnahme der Tugend; Aufmerksamkeit ist die unzweifelhafte Gewißheit der Vergebung der Sünden; Aufmerksamkeit ist der Anfang der Beschauung oder vielmehr die Grundlage der Beschauung. Durch sie nämlich beugt sich Gott vor und wird daraufhin dem Geist sichtbar. Aufmerksamkeit ist die Unerschütterlichkeit des Geistes oder vielmehr ihr fester Bestand, welcher der Seele durch das Erbarmen Gottes verliehen wurde. Aufmerksamkeit ist die Reinigung der Gedanken sowie der Tempel des Gedenkens Gottes und die Verwalterin der Ausdauer bei dem, was auf uns zukommt. Aufmerksamkeit ist der Grund für Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn jemand nämlich nicht glaubt, nimmt er wohl die von außen herankommenden Betrübnisse nicht an. Und wenn er die Betrübnisse nicht froh annimmt, wird er wohl nicht zum Herrn sagen: „Mein Helfer und meine Zuflucht bist du.“ Und wenn er sich den Höchsten nicht zur Zuflucht macht, wird seine Liebe wohl nicht in sein Herz dringen.

Diese große Tat der größten Taten nun wird den meisten oder allen hauptsächlich aufgrund von Belehrung zuteil. Selten nämlich sind jene, die sie ohne Belehrung durch die Gewalt der Tätigkeit und die Glut des Glaubens’von Gott erwerben; und die Seltenheit bildet keine Norm. Darum also muß man einen Führer suchen, der nicht in die Irre geht. So sollen wir durch seine Unterweisung darin belehrt werden, wo wir durch das Wirken des Bösen nach rechts oder nach links von der Aufmerksamkeit sozusagen abfallen oder wo wir übertreiben; und so sollen wir geprägt werden von dem, was er selbst in der Versuchung erfahren hat,“ indem er es uns deutlich macht. Er zeigt uns fern von jedem Zweifel diesen geistigen Weg vor, und so legen wir ihn mühelos zurück. Gibt es jedoch keinen Führer, muß man ihn angestrengt suchen. Wird er aber nicht gefunden, dann tu, was ich dir sage, nachdem du Gott in Zerknirschung des Geistes sowie unter Tränen angerufen und ihn in Armut angefleht hast.

Du weißt, daß der Atem, den wir einatmen, diese Luft ist; und wir atmen sie um keiner anderen Sache willen aus, als des Herzens wegen. Dieses nämlich ist der Grund des Lebens und der Wärme des Leibes. Es zieht also das Herz den Atem an, um einerseits seine Glut durch das Ausatmen nach außen hin abzuweisen, sich selbst aber milde Temperatur zu verschaffen. Der Grund jedoch für diese so geartete Ordnung, oder vielmehr ihr Gehilfe, ist die Lunge. Vom Schöpfer schmal geschaffen, führt sie die uns umgebende Luft wie ein Blasebalg schmerzlos ein und aus. Indem das Herz auf diese Weise durch den Atem die Kühle einzieht, die Hitze jedoch von sich weist, hält es die Ordnung – nämlich um derentwillen es weise geschaffen wurde, um dem Lebewesen Bestand zu verleihen – unwandelbar aufrecht.

Du also setz dich hin und sammle deinen Geist; führe ihn, nämlich den Geist, daraufhin in den Weg der Nase, wo der Atem ins Herz einströmt; dränge und zwinge ihn, zusammen mit der eingeatmeten Luft ins Herz hinabzusteigen. Ist er aber dort hineingelangt, wird, was folgt, nicht mehr freudlos und auch nicht unangenehm sein. Vielmehr ist es wie mit einem Mann, der von seinem Haus abwesend war. Wenn er zurückkehrt, gibt es für ihn nichts, was von der Freude ausgenommen wäre, daß er seine Kinder und seine Frau antreffen durfte. Genauso wird auch der Geist, wenn er sich mit der Seele vereint, mit unsagbarer Wonne und Freude erfüllt. So gewöhne also, Bruder, deinen Geist daran, nicht sogleich von dort herauszugehen; gar sehr nämlich ist er am Anfang leichtfertig darauf bedacht, aus dem inneren Verschluß und der inneren Einengung zu entweichen. Gewöhnt er sich aber daran, hat er kein Gefallen mehr daran, außen umherzuschweifen. Das Himmelreich nämlich ist in uns? Indem der Geist es dort betrachtet und im reinen Gebet sucht, hält er alles Äußere für abscheulich und hassenswert.

(Philokalie_4/Nikephoros über die Nüchternheit und Bewachung des Herzens)

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