Von Nikephoros selbst (II/II)

Wenn du also auf Anhieb wie beschrieben durch den Geist in den Ort des Herzens eingehst, den ich dir zeigte — Dank sei Gott! Preise ihn, frohlocke, und halte dich immerfort an diese Tätigkeit. Sie wird dich lehren, was du (noch) nicht weißt. Doch mußt du auch dies wissen: Befindet sich dein Geist dort, darf man von da an nicht schweigen und untätig sein, sondern muß das Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner als unaufhörliches Werk und ständige Betrachtung besitzen und darf ja niemals damit aufhören. Indem es nämlich den Geist frei von Ablenkung zusammenhält, macht es ihn unbezwingbar und unberührbar von den Einflüsterungen des Feindes und führt ihn Tag für Tag zur Liebe und göttlichen Sehnsucht.

Wenn du dich aber sehr abgemüht hast, o Bruder, und doch nicht in die Gefilde des Herzens Eingang findest, wie wir es dir darlegten, dann tu, was ich dir sage, und du wirst mit dem Beistand Gottes finden, was du suchst. Du weißt, daß sich die Denkkraft eines jeden Menschen in der Brust befindet. In der Brust nämlich sprechen wir, wenn unsere Lippen schweigen, beraten uns, führen Gebete aus und Psalmen und manch anderes. Nachdem du also aus dieser Denkkraft jeden Gedanken entfernt hast — du kannst es nämlich, wenn du willst —, gib ihr das Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner. Und bemühe dich, dies als eine neue Erwägung stets im Innern zu rufen. Und hast du dies eine Zeitlang festgehalten, wird sich dir dadurch auch der Zugang zum Herzen öffnen, wie wir dir schrieben, ganz ohne Zweifel. So haben wir es nämlich aus Erfahrung erkannt. Doch wird dir zusammen mit der heißersehnten und lieblichen Aufmerksamkeit auch der gesamte Chor der Tugenden kommen: Liebe, Freude, Friede und das Folgende?‘ Durch sie wird sie dir all deine Wünsche verschaffen in Christus Jesus, unserem Herrn. Mit ihm ist dem Vater zusammen mit dem Heiligen Geist Ruhm, Macht, Ehre und Anbetung, jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.

(Philokalie_4/Nikephoros über die Nüchternheit und Bewachung des Herzens)

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Von Nikephoros selbst (I/II)

Die Aufmerksamkeit nun nannten manche der Heiligen Bewachung des Geistes, andere Wachsamkeit des Herzens, andere Nüchternheit, andere geistige einsame Ruhe und wieder andere anders. Doch zeigen sie, daß alles ein und dasselbe ist. Wie man Brot sagen kann, Stückchen oder auch Brocken, so sollst du es dir auch bei diesen Namen denken. Was aber die Aufmerksamkeit ist und worin ihre Merkmale bestehen, das höre mit Bedacht.

Aufmerksamkeit ist das Kennzeichen lauterer Umkehr; Aufmerksamkeit ist die Wiederherstellung der Seele, der Haß auf die Welt und die Rückkehr zu Gott; Aufmerksamkeit ist die Verwerfung der Sünde und die Wiederaufnahme der Tugend; Aufmerksamkeit ist die unzweifelhafte Gewißheit der Vergebung der Sünden; Aufmerksamkeit ist der Anfang der Beschauung oder vielmehr die Grundlage der Beschauung. Durch sie nämlich beugt sich Gott vor und wird daraufhin dem Geist sichtbar. Aufmerksamkeit ist die Unerschütterlichkeit des Geistes oder vielmehr ihr fester Bestand, welcher der Seele durch das Erbarmen Gottes verliehen wurde. Aufmerksamkeit ist die Reinigung der Gedanken sowie der Tempel des Gedenkens Gottes und die Verwalterin der Ausdauer bei dem, was auf uns zukommt. Aufmerksamkeit ist der Grund für Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn jemand nämlich nicht glaubt, nimmt er wohl die von außen herankommenden Betrübnisse nicht an. Und wenn er die Betrübnisse nicht froh annimmt, wird er wohl nicht zum Herrn sagen: „Mein Helfer und meine Zuflucht bist du.“ Und wenn er sich den Höchsten nicht zur Zuflucht macht, wird seine Liebe wohl nicht in sein Herz dringen.

Diese große Tat der größten Taten nun wird den meisten oder allen hauptsächlich aufgrund von Belehrung zuteil. Selten nämlich sind jene, die sie ohne Belehrung durch die Gewalt der Tätigkeit und die Glut des Glaubens’von Gott erwerben; und die Seltenheit bildet keine Norm. Darum also muß man einen Führer suchen, der nicht in die Irre geht. So sollen wir durch seine Unterweisung darin belehrt werden, wo wir durch das Wirken des Bösen nach rechts oder nach links von der Aufmerksamkeit sozusagen abfallen oder wo wir übertreiben; und so sollen wir geprägt werden von dem, was er selbst in der Versuchung erfahren hat,“ indem er es uns deutlich macht. Er zeigt uns fern von jedem Zweifel diesen geistigen Weg vor, und so legen wir ihn mühelos zurück. Gibt es jedoch keinen Führer, muß man ihn angestrengt suchen. Wird er aber nicht gefunden, dann tu, was ich dir sage, nachdem du Gott in Zerknirschung des Geistes sowie unter Tränen angerufen und ihn in Armut angefleht hast.

Du weißt, daß der Atem, den wir einatmen, diese Luft ist; und wir atmen sie um keiner anderen Sache willen aus, als des Herzens wegen. Dieses nämlich ist der Grund des Lebens und der Wärme des Leibes. Es zieht also das Herz den Atem an, um einerseits seine Glut durch das Ausatmen nach außen hin abzuweisen, sich selbst aber milde Temperatur zu verschaffen. Der Grund jedoch für diese so geartete Ordnung, oder vielmehr ihr Gehilfe, ist die Lunge. Vom Schöpfer schmal geschaffen, führt sie die uns umgebende Luft wie ein Blasebalg schmerzlos ein und aus. Indem das Herz auf diese Weise durch den Atem die Kühle einzieht, die Hitze jedoch von sich weist, hält es die Ordnung – nämlich um derentwillen es weise geschaffen wurde, um dem Lebewesen Bestand zu verleihen – unwandelbar aufrecht.

Du also setz dich hin und sammle deinen Geist; führe ihn, nämlich den Geist, daraufhin in den Weg der Nase, wo der Atem ins Herz einströmt; dränge und zwinge ihn, zusammen mit der eingeatmeten Luft ins Herz hinabzusteigen. Ist er aber dort hineingelangt, wird, was folgt, nicht mehr freudlos und auch nicht unangenehm sein. Vielmehr ist es wie mit einem Mann, der von seinem Haus abwesend war. Wenn er zurückkehrt, gibt es für ihn nichts, was von der Freude ausgenommen wäre, daß er seine Kinder und seine Frau antreffen durfte. Genauso wird auch der Geist, wenn er sich mit der Seele vereint, mit unsagbarer Wonne und Freude erfüllt. So gewöhne also, Bruder, deinen Geist daran, nicht sogleich von dort herauszugehen; gar sehr nämlich ist er am Anfang leichtfertig darauf bedacht, aus dem inneren Verschluß und der inneren Einengung zu entweichen. Gewöhnt er sich aber daran, hat er kein Gefallen mehr daran, außen umherzuschweifen. Das Himmelreich nämlich ist in uns? Indem der Geist es dort betrachtet und im reinen Gebet sucht, hält er alles Äußere für abscheulich und hassenswert.

(Philokalie_4/Nikephoros über die Nüchternheit und Bewachung des Herzens)

Von Symeon dem Theologen

Seitdem der Teufel den Menschen durch den Ungehorsam zum Verbannten des Paradieses und Gottes gemacht hat, fand er zusammen mit den Dämonen Gelegenheit, die Denkkraft eines jeden Menschen sowohl in der Nacht als auch am Tag geistigerweise zu erschüttern — beim einen viel, beim andern wenig, bei einem anderen noch mehr. Man kann diese Denkkraft nicht anders sichern als durch fortwährendes Gedenken Gottes — wenn durch die Kraft seines Kreuzes dem Herzen das göttliche Gedenken eingeprägt wird und es dann die Denkkraft zur Unerschütterlichkeit festigt. Dazu nämlich führt der Ablauf des geistigen Kampfes, den ein jeder Christ im Stadion des Glaubens an Christus sich zu kämpfen anschickt. Andernfalls wird angesichts eines solchen Kampfes jegliche mannigfache Askese eines jeden, der um Gottes willen Ungemach erduldet, vergebens kämpfen. So erweiche man das Herz des guten (Gottes), damit er (von neuem) diese erste Würde verleihe und der Denkkraft Christus eingeprägt werde. So spricht der Apostel: „Meine Kinder, um die ich von neuem Geburtswehen leide, bis Christus in euch Gestalt annimmt.

Habt ihr gemerkt, Brüder, daß es eine geistliche Kunst gibt, das heißt einen Weg, welcher den, der ihn ausübt, rasch zu Leidenschaftslosigkeit und Gottesschau emporführt? Seid ihr jetzt überzeugt, daß ein jedes praktische Tugendleben bei Gott als das Laub eines Baumes ohne Früchte gilt; und daß für eine jede Seele, welche die Bewachung des Geistes nicht besitzt, dies für sie auf ein Nichts hinauslaufen wird? Darum wollen wir uns eifrig bemühen, damit wir nicht ohne Frucht das Leben beenden und dann unnütze Dinge bereuen.

Frage: Zwar erkennen wir aus der vorliegenden Schrift, was das Tun derer war, welche dem Herrn wohlgefällig waren, sowie daß es eine Tätigkeit gibt, welche die Seele rasch von den Leidenschaften befreit und mit der Liebe Gottes verbindet. Auch wir zweifeln nicht daran, daß sie von einem jeden geschuldet wird, der sich für Christus in den Krieg begeben hat, sondern wir sind sogar sehr davon überzeugt. Worin aber die Aufmerksamkeit besteht und wie man gewürdigt wird, sie zu finden, das bitten wir zu erfahren. Wir sind nämlich noch ganz und gar nicht eingeweiht in diese Sache.

Antwort: Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, welcher gesagt hat: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“, werde ich, nachdem wir ihn als Beistand und Gehilfen angerufen haben, nach Vermögen aufzuzeigen versuchen, worin die Aufmerksamkeit besteht und wie man sie, so Gott will, vollbringen soll.

(Philokalie_4/Nikephoros über die Nüchternheit und Bewachung des Herzens)

Von Karpathios

Viel Kampf und Mühe braucht es im Gebet, damit wir den Zustand des Denkens finden, welcher nicht belästigt wird — gewissermaßen einen zweiten Himmel, der sich im Herzen befindet, wo Christus wohnt, wie der Apostel sagt: „Oder erkennt ihr nicht, daß Christus in euch wohnt? Andererseits seid ihr untauglich.“

(Philokalie_4/Nikephoros über die Nüchternheit und Bewachung des Herzens)

Von Isaak dem Syrer

Trachte eifrig danach, in das in dir befindliche Gemach einzugehen, und du wirst das himmlische Gemach sehen. Nur eines nämlich ist dieses und jenes, und in einem einzigen Zugang schaust du beide. Die Leiter zu jenem Reich ist in dir verborgen, das heißt in deiner Seele. Reinige dich also von der Sünde, und du findest dort Aufstiege, auf denen du emporgelangen kannst.

(Philokalie_4/Nikephoros über die Nüchternheit und Bewachung des Herzens)

Von Diadochos

Wer stets in seinem Herzen zu Hause ist, weilt gänzlich fern von den angenehmen Früchten des Lebens. Da er nämlich im Geist wandelt, kann er die Begierden des Fleisches nicht kennen? Ein solcher schreitet ja fürderhin innerhalb der Festung der Tugenden umher und hat eben diese Tugenden sozusagen als Torhüter. Darum richten auch die Anschläge der Dämonen bei ihm nunmehr nichts mehr aus.

Treffend sagte der Heilige, daß die Anschläge der Feinde wirkungslos bleiben — nämlich wenn wir irgendwo drunten in der Tiefe unseres Herzens weilen, und umso mehr, als wir dort lange Zeit verbringen. — Doch weiß ich, daß mir die Zeit ausgehen wird, wenn ich in die vorliegende Erörterung die Worte aller Väter aufnehmen will. Darum will ich noch einen oder zwei erwähnen und dann die Rede zu Ende führen.

(Philokalie_4/Nikephoros)

Von Makarios dem Großen

Das wesentliche Merkmal des Kämpfers besteht darin, daß er in sein Herz eindringt, daraufhin den Krieg mit Satan aufnimmt und ihn zu hassen beginnt. Indem er wider seine Gedanken ringt, kämpft er mit ihm.

Wenn jedoch jemand im sichtbaren Bereich seinen Leib von Verderben und Unzucht bewahrt, innerlich aber mit Gott die Ehe bricht und mit den Gedanken Unzucht treibt, hat er keinen Nutzen daraus gezogen, daß er einen jungfräulichen Leib besitzt.

Es steht ja geschrieben: „Jeder, der eine Frau lüstern anblickt, hat bereits im Herzen die Ehe gebrochen.“
Es gibt nämlich eine Unzucht, welche mit dem Leib ausgeführt wird, und es gibt eine Unzucht, die vorliegt, wenn die Seele mit dem Satan gemeinsame Sache macht.

Zwar scheint dieser große Vater den Worten des zuvor erwähnten Vaters, Abbas Isaias, zu widersprechen; es ist jedoch nicht so. Auch dieser nämlich legt uns, wie Gott es verlangt, nahe, unseren Leib zu bewachen; doch sucht er nicht nur die Reinheit des Leibes, sondern auch die des Geistes. Und so rät er uns, ausgehend von den Anordnungen des Evangeliums, dasselbe an (wie jener).

(Philokalie_4/Nikephoros)