Bild und Gleichnis Gottes

Nach dem Bild (Gottes) wird jeder Mensch genannt infolge der Würde des Geistes und der Seele, d. h. ihrer Unfaßbarkeit, Unsichtbarkeit, Unsterblichkeit- und Eigenmächtigkeit; ja gewiß auch infolge ihrer Eigenschaft zu herrschen, Kinder zu zeugen und Gebäude zu errichten.

Nach dem Gleichnis (Gottes) hingegen (wird der Mensch genannt) hinsichtlich der Tugend und der entsprechenden nach Gott benannten und gottähnlichen Handlungen; d. h. wenn er dem Verwandten gegenüber menschenfreundlich gesinnt ist, den Mitknecht bemitleidet, sich seiner erbarmt und ihn liebt und jegliches Erbarmen und Mitleid an den Tag legt. „Werdet barmherzig,“ spricht ja Christus, unser Gott, „wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist.“

Die (Gottes-)Ebenbildlichkeit besitzt zwar jeder Mensch; sind doch die Gnadengaben Gottes unwiderruflich. Die Gleichnishaftigkeit (Gottes) aber haben nur wenige, und zwar allein die Tugendhaften und Heiligen sowie jene, die die Güte Gottes nachahmen, soweit es Menschen möglich ist.

Mögen auch wir seiner über alle Maßen guten Menschenliebe gewürdigt werden, nachdem wir ihm wohlgefällig waren durch verdienstliches Handeln und Nachahmer derer geworden sind, die seit undenklichen Zeiten Christus wohlgefällig gewesen. Denn sein ist das Erbarmen und ihm gebührt jeder Ruhm, jede Ehre und Anbetung mit seinem ursprungslosen Vater und seinem Allheiligen, guten und lebenspendenden Geist, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 17)

 

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Die Tugend suchen und ihr nach-gehen

Dies haben wir nun, soweit wir es in unserer Unwissenheit vermochten, mit schlichten Worten dargelegt, indem wir leicht überschaubar und klar kurz über die Tugenden und Laster sprachen, damit man ihre Einteilung und ihren Unterschied leicht auseinanderhalten und erkennen könne infolge ihrer feinsinnigen Darlegung. Genau darum nämlich haben wir einen jeden Aspekt mannigfach und vielgestaltig dargelegt, damit nach Möglichkeit keine Eigenschaft der Tugend oder des Lasters unbekannt bleibe; und damit wir die einen, nämlich die Tugenden — und vor allem die seelischen —, durch welche wir uns auch Gott nähern, mutig an uns ziehen, den Lastern aber entgehen, indem wir ihnen eifrig ausweichen.

Denn wahrhaft selig ist, wer die Tugend sucht, ihr nachgeht und sorgfältig danach forscht, was die Tugend ist; denn durch sie nähert er sich Gott und wird mit ihm geistig vereint.

Dies nämlich ist im vollen Sinne untrügliche Klugheit und Tapferkeit, Weisheit und Erkenntnis sowie unentreißbarer Reichtum, daß man durch praktische Tugend zur Beschauung des Schöpfers emporgeführt wird. Tugend aber wird sie genannt, da man sie erwählt. Erwählt“ und gewollt nämlich ist sie, da wir das Gute nach unserer Wahl und aus eigenem Willen heraus tun und nicht ungewollt und aus Zwang. Einsicht aber nennt man es, wenn man im Geist trägt, was nützlich ist.

Wenn du aber willst, fügen wir diesen schlichten Worten noch gleichsam als ein goldenes Siegel ein wenig über die Bildhaftigkeit und Gleichnishaftigkeit des kostbarsten aller Geschöpfe Gottes hinzu; (denn) das geistige und vernunftbegabte Lebewesen, der Mensch, ist als einziges von allen nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 16)

 

Leibliche und seelische Leidenschaften

Und abgesehen von dem bereits Gesagten, ist folgendes noch viel nötiger zu wissen und für alle äußerst notwendig, die bemüht sind, die Tugend zu vollbringen, doch danach streben, der Schlechtigkeit auszuweichen:

In dem Maß, wie die Seele unvergleichlich besser ist als der Leib sowie in vieler Hinsicht und in den hauptsächlichen Stücken durchaus vorzüglicher und wertvoller, so sind es auch die seelischen Tugenden — und vor allem jene, die Gott nachahmen und nach ihm benannt sind — im Vergleich zu den leiblichen.

Andererseits aber muß man verstehen, daß sich auch die seelischen Laster von den leiblichen Leidenschaften hinsichtlich der ihnen eigenen Wirkungen und der abzubüßenden Strafen unterscheiden, auch wenn dies den meisten aus mir unverständlichen Gründen entgeht und nicht bewußt ist. Vor Trunkenheit und Unzucht, Ehebruch und Diebstahl und ähnlichem hüten sie sich, sie meiden oder bestrafen es, da es für die meisten Menschen augenscheinlich ein Greuel ist.

Doch den seelischen Leidenschaften, die viel schlimmer und gewichtiger sind als jene, uns sowohl in den Zustand von Dämonen versetzen als auch jene, die ohne Umkehr daran festhalten, zur ewigen Bestrafung führen, die für sie bereitliegt — diesen Leidenschaften gegenüber verhalten sie sich gleichgültig. Ich meine damit den Neid und den alten Groll, die Bosheit und die Gefühllosigkeit sowie die Wurzel aller Übel, die Geldgier, wie der Apostel sagt, und was dem gleich ist.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 15)

 

Größer als alle Tugenden ist die Unterscheidung

Daraus wird ersichtlich, daß weder wohltätig ist, wer das Almosen-geben nur selten ausführt, noch enthaltsam, wer die Enthaltsamkeit in derselben Weise ausübt, sondern jener, der so oft wie möglich und sein ganzes Leben hindurch die Tugend ganzheitlich verfolgt mit untrüglicher Unterscheidung. Größer als alle Tugenden nämlich ist die Unterscheidung; ist sie doch die Königin und die Tugend der Tugenden. So nennen wir denn umgekehrt auch im anderen Fall nicht jenen einen Unzüchtigen oder Trunkenbold oder Lügner, wer einmal in ein jedes dieser Laster ausgeglitten ist, sondern jenen, der gleichsam meistenteils solchen Dingen verfällt und ohne Umkehr (darin) verharrt.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 14)

 

Man muß aber auch folgendes wissen:

Man kann nicht zum (Voll-) Maß einer beliebigen Tugend gelangen, wenn man sich nicht unter mühevollem Eifer nach Kräften das ganze Leben lang um ihren Erwerb bemüht hat durch Übung des praktischen religiösen Lebens. Dies betrifft zum Beispiel Almosengeben, Enthaltsamkeit, Gebet, Liebe oder eine beliebige Kardinaltugend. Mit ihnen nämlich trachtet ein jeder teilweise nach der Tugend. So bedient sich jemand eine Zeitlang des Almosengebens; doch da er es selten gebraucht, können wir ihn nicht im eigentlichen Sinne wohltätig nennen — umso mehr, wenn er seine Tat nicht gut und gottgefällig ausführt.

Es ist nämlich das Gute nicht auch (schon) gut, wenn es nicht gut geschieht. Vielmehr ist es dann wirklich gut, wenn es nicht durch dies oder jenes seinen Lohn bereits empfangen hat, so vielleicht das Gefallen vor den Menschen infolge eines guten Rufes und allgemeines Ansehen infolge von Habsucht und Ungerechtigkeit. Denn Gott sucht auch nicht, was gut abläuft und gut scheint, sondern die Absicht, um derentwillen es geschieht. Es sagen ja auch die Gott-tragenden Väter, daß, wenn der Geist das Ziel der Frömmigkeit vergißt, das offensichtliche Werk der Tugend unnütz wird.

Was nämlich ohne Unterscheidung und ohne Ziel getan wird, ist nicht nur zu nichts nutze, selbst wenn es gut ist, sondern schadet sogar — wie das Gegenteil selbst bei dem der Fall ist, was schlecht zu sein scheint, aber mit einer frommen Absicht dem Willen Gottes gemäß geschieht, wie bei jenem, der in das Bordell hineinging und die Dirne dem Verderben entriß.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 13)

 

Begehrlichkeit

Dreiteilig also ist die Seele, wie bereits gezeigt, denn ihre Teile sind drei:
Verstand, Ungestüm und Begehrlichkeit.

Wenn sich im Ungestüm Liebe und Menschenfreundlichkeit finden und in der Begehrlichkeit Reinheit und Besonnenheit, ist der Verstand erleuchtet. Sind aber im Ungestüm Menschenhaß und in der Begehrlichkeit Ausschweifung, ist der Verstand verfinstert. So ist denn der Verstand dann gesund, besonnen und erleuchtet, wenn er seine Leidenschaften unterworfen hat, die Wesenszüge der Geschöpfe Gottes in geistiger Weise schaut und zur seligen und Heiligen Dreiheit empor geführt wird. Das Ungestüm hingegen wird der Natur gemäß bewegt, wenn es alle Menschen liebt und keinem gegenüber Mißmut oder Groll hegt.

Die Begehrlichkeit aber (bewegt sich der Natur gemäß), wenn sie durch Demut, Enthaltsamkeit und Besitzlosigkeit die Leidenschaften ertötet, d. h. die Fleischeslust und das Trachten nach Besitz und vergänglicher Ehre, und sie sich der göttlichen und unvergänglichen Liebe zuwendet.

Die Begehrlichkeit regt sich ja auf drei Dinge hin:
entweder auf die Fleischeslust oder auf eitle Ehre oder auf Erwerb von Besitz.
Und aufgrund dieses widervernünftigen Strebens verachtet sie Gott und seine göttlichen Gebote, vergißt den göttlichen Adel, wird dem Nächsten gegenüber zum wilden Tier, verdunkelt den Verstand und läßt ihn nicht zur Wahrheit aufblicken. Wer eine Gesinnung besitzt, die über diesen Dingen steht, empfängt von da an, wie bereits gesagt, das Himmelreich und lebt ein seliges Leben in der Erwartung der Seligkeit, welche für jene bereitliegt, die Gott lieben.

Mögen auch wir ihrer gewürdigt werden durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Amen.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 12)

 

Tilgung der Leidenschaften

Wer also das erste Element, d. h. die Einflüsterung, frei von Leidenschaft betrachtet oder sie durch festen Widerspruch von sich weist, hat damit mit einem Mal alle Folgen abgeschnitten.

Die Tilgung der acht Leidenschaften aber soll folgendermaßen geschehen:
Durch die Enthaltsamkeit wird die Völlerei ausgetilgt, durch die göttliche Sehnsucht und das Streben nach den künftigen Gütern die Unzucht, durch das Mitleid mit den Armen die Geldgier, durch die Liebe zu allen und die Güte der Zorn, durch die geistliche Freude die weltliche Traurigkeit, durch Geduld und Ausdauer sowie die Dankbarkeit Gott gegenüber die Unlust, durch die verborgene Ausübung der Tugenden und das anhaltende Gebet in Zerknirschung des Herzens die eitle Ehrsucht, und indem man niemanden richtet oder verachtet wie der prahlerische Pharisäer, sondern sich für den letzten aller hält, der Hochmut. Ist also der Geist auf diese Weise von den erwähnten Leidenschaften befreit und hat er sich wieder zu Gott erhoben, dann lebt er von da an das selige Leben, indem er das Angeld des Heiligen Geistes empfängt.

Und nachdem er unter Leidenschaftslosigkeit und wahrer Erkenntnis aus den hiesigen Dingen ausgewandert ist, tritt er vor das Licht der Heiligen Dreiheit und wird zusammen mit den göttlichen Engeln für unendliche Ewigkeiten umstrahlt.

(Johannes von Damaskus, Abhandlung, 11)